Die Grundfrage lautet also: Wie viel teurer darf die private fondsgebundene Rentenversicherung, kurz FRV sein, damit die Steuervorteile immer noch für eine Outperformance gegenüber dem ETF-Depots sorgen? Wir beginnen mit einer Beispielberechnung für eine neunundzwanzigjährige Investorin.
Wenn Nida jedes Jahr 5 % des Fondsvermögens umschichtet (z. B. fürs Rebalancing), dann dürfte die fondsgebundene Versicherung mit ETFs Effektivkosten von maximal 0,35 % haben, um pari mit dem ETF-Depot zu stehen. Wenn sie 10 % das Fondsvermögen pro Jahr umschichtet, dann dürfte die FRV maximal 0,48 % Effektivkosten haben.
Das sieht zunächst nach gar nicht so hohen Kosten aus. Ob das allgemeingültig ist, muss jedoch durch weitere Berechnungen geprüft werden. Wie in der Beipielbox oben dargestellt, gibt es einige Variablen, die man definieren muss, wie zum Beispiel das Alter der jeweiligen Person, wie viel Rendite die Fonds/ETFs erwirtschaften, wie häufig man umschichtet, wie hoch Steuerfreibeträge und Basiszinsen sind und natürlich auch wie hoch der Steuersatz ist, den die Person im Rentenalter hat, wenn sie das Geld entnimmt. Selbstverständlich hat auch die Auswahl der Fonds/ETFs eine Auswirkung, allerdings gehen wir in unserem Vergleich fairerweise davon aus, dass wir in Versicherung und Depot dieselben ETFs wählen.
Je nachdem, wie man diese ganzen Variablen ansetzt, kommen wir natürlich auf sehr unterschiedliche Ergebnisse. Wenn man beispielsweise mehrere Umschichtungen des Fondsvermögens und regelmäßige Rebalancings einkalkuliert, ist das vorteilhaft für die Versicherung, weil hier Umschichtungen kosten- und steuerfrei erfolgen können. Ein niedriger persönlicher Einkommenssteuersatz in der Auszahlphase wäre ebenfalls vorteilhaft für die Versicherung. Ein hoher Basiszins wäre für das Depot vorteilhafter sowie auch kürzere Anlagezeiträume und niedrige Fonds/ETF-Renditen.
Eine eindeutige Lösung gibt es daher nicht. Um aber trotzdem eine allgemeingültige Antwort auf die Ausgangsfrage geben zu können, also wie viel teurer das Versicherungsprodukt sein darf, damit es das Depot schlägt, können wir alle Parameter einmal so auswählen, dass sie eher das Versicherungsprodukt bevorteilen, und einmal umgekehrt. So erhalten wir eine Art Worst- und ein Best Case-Szenario.
Das verblüffende Ergebnis aller Berechnungen: Die Effektivkosten einer Versicherung dürfen um maximal 0,7 % höher liegen als die des Depots, damit sie das Depot schlägt. Liegen die Effektivkosten darüber, dann ist der positive Effekt durch die Steuervorteile selbst bei günstigen Annahmen (regelmäßige Rebalancings, mehrere Umschichtungen etc.) nicht stark genug, um ein ETF-Depot zu schlagen.
Kein einziges Versicherungsprodukt mit einkalkulierten Vermittlerprovisionen schlägt das Depot
Nun drängt sich natürlich die Frage auf: Gibt es überhaupt so günstige Versicherungsprodukte? Die Antwort ist Ja, aber nur sogenannte Nettotarife kommen an diese geringen Kostenquoten heran. Nettotarife sind Versicherungsprodukte, die keinerlei Vermittlungsprovisionen enthalten. Die Gegenstücke mit Provisionen nennt man Bruttotarife und es gibt keinen einzigen fondsgebundenen Bruttotarif am Markt, der annähernd an diese geringe Kostenquote herankommt. Somit raten wir dringend vom Neuabschluss von Versicherungen über Provisionsvermittler:innen ab. Die Effektivkosten von guten Nettotarifen liegen zwischen 0,2 und 0,3 % p.a.
Nachteil von Nettotarifen: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man einen Nettotarif nicht kostenfrei abschließen, sondern zahlt dafür eine Vermittlungsgebühr. Damit die Vergleichsrechnung zum ETF-Depot weiterhin positiv zugunsten der Versicherung ausfällt, sollte die Vermittlungsgebühr nicht zu hoch sein. Wenn das Vermittlungshonorar für den Abschluss eines Nettotarifs bei mehr als 1.000 € liegt, lohnt sich diese Investition im Vergleich zum Depot nicht.